Das Dorf

von Barbara Reuschle


Laibach zum Beispiel.

Laibach ... Laibach? Ist das nicht eher eine Stadt ... liegt in Slowenien, oder?

Ich meine aber Laibach das Dorf! Es liegt im Jagsttal und hat 187 Einwohner.

187 Einwohner! Na, das ist wirklich ein Dorf –

Und? Was gibt’s zu erzählen, von Laibach, dem Dorf im Jagsttal?

Oh, vieles, 187 Geschichten und noch viel mehr. Ich erzähle jetzt wie das gestern war, mit dem Fest, unserem Maibaumfest:

Er ist dieses mal ziemlich klein, jedenfalls kleiner als letztes Jahr. Außerdem haben sie ihn erst so spät aufgestellt, daß manche schon besorgt waren. Oder so taten als seien sie besorgt: Schon viere und der Baum steht immer noch nicht? Ja, jetzt wird’s aber Zeit! Ob die das noch schaffen?

Die, das sind die jungen Männer und die haben viel zu tun, auch ohne Maibaum. Aber viel zu tun ist normal in Laibach, viel zu tun ist keine Entschuldigung für einen fehlenden Maibaum.

Also steht sie dann am frühen Abend des 30. April ordnungsgemäß zwischen Bushaltestelle und dem, noch immer mit 400 handbemalten Ostereiern geschmückten, Dorfbrunnen: Eine Birke, licht und weißstämmig, frühlingshaft hellgrün. Mit bunten Bändern in den Zweigen.

Jetzt muß die ganze Nacht über gewacht werden damit nicht andere aus einem anderen Dorf kommen und unseren Maibaum klauen. Aber das machen alles die Jungen. Sowohl das bewachen als auch das klauen und auch die mehr oder weniger spaßigen Späße die in dieser Nacht erwartet werden.

Wir müssen uns nicht darum kümmern.

Die Laibacher Musikkapelle, kurz und einfach – Musik - genannt, spielt auch dieses Jahr nicht unterm frisch aufgestellten Maibaum. Obwohl sie das gerne täten. Aber es ist einfach noch zu früh. Die meisten von der Musik sind noch im Kuhstall oder im Schweinestall.

Von denen die keine Kühe und keine Schweine zu versorgen haben, sitzen aber schon einige auf langen Bänken an langen Tischen, unter freiem Himmel. Wir setzen uns dazu.

Es gibt rote Wurst und Bier, Cola oder Limo. "Korea" gibt’s auch aber das trinken nur die Jungen und außerdem erst später. Die Jungen sitzen separat, entweder bewachend unterm Maibaum oder abwartend in der ausgeräumten Scheune.

Draußen vor der Scheune ist der Abend hell und lau.

Der Himmel ist groß. Grün hügelt sich Landschaft ums Dorf. Ab und zu leuchtet ein gelbes Rapsfeld bis zu uns, die wir inmitten all dem ein wenig verloren sitzen.

Ich hätte jetzt gerne einen guten, trockenen Weißwein. Aber es gibt nur, nicht besonders guten, keineswegs trockenen Rotwein und den nur in Verbindung mit Cola, das ist dann "Korea." Ja, ja, ich geb’s zu, ich bin auch nach zwei Jahren in Laibach, immer noch aus der Stadt. Ich bin immer noch anderes gewöhnt als die Laibacher und deshalb schmeckt mir einfach kein süßer Rotwein. Manchmal ist sie mir peinlich, meine Unfähigkeit zu solch verhältnismäßig kleinen Anpassungen. Jetzt zum Beispiel, wo alle außer mir zufrieden sind mit dem was es gibt. Aber was sind zwei Jahre gegen zwei Generationen oder noch mehr Generationen oder wenigstens einen Laibacher Ehepartner. Nichts, gar nichts. Ich seh’s ein. Halbstädterin sagen sie zu mir, du bist immer noch eine Halbstädterin und ich schlage vor: Viertelstädterin? Sie drücken ein Auge zu, zwinkern mit dem anderen und willigen ein.

Sie sind freundlich die Laibacher. Zu mir. Und zu meinem Mann auch. Außerdem ist es ihnen egal ob nun Halb oder Viertelstädter, Hauptsache wir wissen, was sie wissen: Echte Laibacher sind wir noch lange nicht. Vielleicht liegt es, außer an den anderen Gewohnheiten, dem anderen Wissen, auch an unserer Vergangenheit, denn die ist hier genauso fremd wie unsere Familien. Selbst wenn wir alles darüber erzählen würden, bliebe es fremd.

Fremd oder nicht, wir sitzen mit ihnen auf langen Bänken, an langen Tischen. Ruhig. Abwartend. Der Abend ist noch lang. Zögernde Fragen, verhaltene Antworten, kleine Informationen, nichts großes, nichts wichtiges. Kopfnicken. Ein Schluck aus der Flasche. Ja, ja.

Alfred und Sigrid kommen, wir rutschen etwas zusammen. Na, sagt Alfred zu mir als er sich setzt, was macht der große Emil? Alfred ist der Oberjäger und der große Emil ist der Oberkeiler, fast schon legendär. Riesig muß er sein, alt und schlau. Niemand hat ihn je gesehen. Aber die Jäger kennen seine Spuren, groß wie Unterteller sagen sie. Ganz hinten im Tal, in der sogenannten Wanne wohnt er, der große Emil. Dort ist alles dicht, die Stille und das Gestrüpp. Das nicht vorhanden sein von Menschen scheint in der Wanne großartig, irgend etwas scheint dort verwunschen und ist es vielleicht ja auch.

Eigentlich kommen nur Jäger dort hin. Na und ich, denn ich bin die, die soviel läuft mit ihrem Hund.

Natürlich habe ich Angst davor, dem großen Emil dort hinten in der Wanne zu begegnen. Und natürlich weiß das der Alfred und es gefällt ihm jedesmal aufs neue, wenn ich frage was ich tun soll wenn’s so wäre. Also tu ich ihm den Gefallen und frage, ich frage aber auch in der Hoffnung, daß er mir dieses mal etwas Neues, etwas Beruhigenderes rät als sonst. Aber das tut er nicht. Er grinst wie immer und er sagt wie immer: Dann nimmst du am besten die Beine in die Hand und suchst dir den nächsten Baum zum Hochklettern.

Und, frage ich, was würdest DU tun Alfred?

Die Umsitzenden hören jetzt zu, teils interessiert, teils amüsiert und der Alfred sagt: Ich würde natürlich das Gleiche tun.

Wirklich?

Klar, mit Keilern ist nicht zu spaßen.

Thema abgeschlossen. Bis zum nächsten mal.

Ich beschließe, nur noch mit Handy in die Wanne zu gehen.

Langsam trinken sie das zweite oder auch schon dritte Bier. Die rote Wurst schmeckt gut wird festgestellt. Ja, die ist besser als letztes Jahr. Oder erst recht als die auf dem Pferdemarkt in Dörzbach. Zustimmung. Zufriedenheit. Sie sind sich einig. Und ich esse keine rote Wurst.

Leise riecht es nach Kuh. Die Kirchturmuhr scheppert ein paar Schläge die niemand mitzählt. Morgen ist Feiertag und jetzt ist Maibaumfest. Die langen Bänke füllen sich, man rutscht immer enger zusammen. Ob ich vielleicht kurz ...? Kann ich das machen? Ich will nicht, daß irgend jemand denkt, daß ich denke .... ach was, egal, ich steige aus der Reihe der Banksitzenden und gehe in die Scheune zu den Jungen. Dort sitzt Christina, die Tochter vom Adlerwirt. Komm mit, sagt sie auf meine Frage und an der Art wie sie das sagt, merke ich daß sie hier drinnen mit "Korea" trinken angefangen haben. Also gehen wir die paar Meter bis zum Adler. Kichernd und aufgekratzt steigt Christina in den Keller und füllt mir aus einem Plastikfaß eine Flasche trockenen Weißwein ab. Zahlen kann ich ihn morgen sagt sie.

Der Abend ist jetzt lavendelfarben.

Ich biete wie immer meinen trockenen Weißwein auch den anderen an und wie immer wollen sie probieren und wie immer bleibt es dabei weil er ihnen einfach nicht schmeckt. Es wird immer voller auf den Bänken und die Gespräche werden lebhafter. Die Baronin ist vom Schloß herunter gekommen. Jetzt steht sie etwas unschlüssig da und schaut mit kurzsichtigem Blick nach einem freien Platz. Wir rücken noch mehr zusammen und sie setzt sich zu uns. Ich biete auch ihr von meinem Weißwein an. Sie probiert ihn nicht nur, sie mag ihn. Was ihr Chor macht wird sie gefragt und da erzählt sie vom Unterginsbacher Chor den sie leitet und dann reden wir über den Laibacher Chor den sie früher geleitet hat, aber leider aufgeben mußte, weil sie zu wenig Männerstimmen hatte. Schade. Ja, wirklich schade. Aber was sollen sie denn noch alles machen, die Männer, sie spielen doch schon bei der Musik und viele spielen Bauerntheater und die meisten sind bei der freiwilligen Feuerwehr, na und die Landwirtschaft, die haben sie zusätzlich zur angestellten Arbeit.

Singen, sagt die Baronin, setzt Glückshormone frei.

Singen. Musik. Stichwort.

Der Josef Schenkel, musikalisches Mitglied der, parallel zur Musik existierenden und großfamilieneigenen Schenkelkapelle, fängt an zu singen. Leise und mit schöner Stimme. Er singt von der Wollust in dem Maihaien, schaut dabei erwartungsvoll um sich. Die Baronin, ich und ein paar andere können nicht anders als mitzusingen. Da wechselt der Josef gekonnt in die zweite Stimme. Sein Ohrring blitzt. Er fährt ein dickes Motorrad. Seine Frau versorgt die Mariengrotte unterhalb vom Schloß mit Inbrunst, frischen und künstlichen Blumen. Auch sie singt mit. Der Schwiegersohn singt nicht mit, denn der ist schon wieder im Kosovo und der Hermann hat sich gestern rittlings auf seine Sau gesetzt um sie zu besamen. Kleine Geschichten umrahmt von großen Geschichten, davon ausgehend wieder Geschichten. Es ist so klein das Dorf und trotzdem so voll. Nicht immer. Aber jetzt und heute. Die Tiere sind versorgt. Der Abend wird zur Nacht. Samtig. Da sitzen wir singend in Laibach neben dem Maibaum und setzen dabei soviel Glückshormone frei, daß einem ganz schwummerig wird davon.

Das Zentrum ist immer dort wo man selbst ist.

Aus der ausgeräumten Scheune dröhnt Gelächter. Trotzdem kommt jetzt Christina heraus und zu mir, sie fragt ob sie mir noch eine Flasche trockenen Weißwein von drüben, vom Adler holen soll. Ich bin gerührt, davon und überhaupt. Nichts ist mehr peinlich.

Kinder rennen herum und versuchen jedem eine mit Rasierschaum eingeschäumte Hand zu geben, kreischen vor Vergnügen wenn es ihnen gelingt und einer der Erwachsenen so tut, als sei er überrascht.

Unterm Maibaum brennt jetzt ein Feuer. Die Maibaumwache richtet sich ein. Vielleicht werden sie später das ein oder andere Gartentörchen aushängen oder einen Pferdehänger durch die Gegend schieben, auf jeden Fall wird morgen früh eine krakelige, weiße Farbspur auf der Dorfstraße zu sehen sein, wahrscheinlich wird sie sich sogar bis nach Klepsau hinunter ziehen.

Wir dagegen singen noch ein Lied das den Herrn und den Abend lobt und dann noch eins von Reh und Jägersmann, eins vom Polenmädchen und eins von jenseits des Tales wo ihre Zelte standen.

Die Baronin will gehen. Sie sagt, daß es ihr nichts ausmacht, allein den stockdunklen Schloßberg hinauf zu laufen. Weil sie so offensichtlich lügt, weil sie nett ist und vor kurzem erst die Grippe hatte, wird sie aber mit dem Auto hochgefahren. Mein Hund liegen unterm Tisch und bekommt eine Wurst geschenkt. Sie reden über Hunde, gefährliche Hunde, wildernde Hunde, Jagdhunde und deren Geruchssinn. Wie funktioniert der eigentlich ? WAS riecht der Hund wenn er die Spur riecht? Und wie riecht ein Hai das kilometerweit entfernte Blut im Wasser? Mutmaßungen. Beispiele. Behauptungen. Themawechsel.

Sigrid erzählt von ihren Ferkeln die jetzt mehr Auslauf haben, Doris erzählt von fehlenden Zeitungsröhren fürs Wochenblatt, das sie austrägt, ich erzähle von einem Literaturwettbewerb an dem ich teilnehmen will, Thema - das Dorf. Schreib von Laibach sagen sie, schreib von uns, schreib von heute abend.

Das werde ich tun, denke ich und sage:

Wenn ich gewinne, lade ich euch alle zu einem Fest ein.

Ein Fest ist immer gut.

Genau.